Aus dem Pfarrteam

"Ein guter Friedhof ist ein Ort des Lebens"
Tod, Bestattung und Trauer sind Themen, die manchmal gerne umschifft werden. Gleichzeitig entwickeln sich neue Formen, wie wir als Gesellschaft und als Einzelne damit umgehen. Als Pfarrer, der noch am Anfang seiner Berufszeit steht, interessiere ich mich, was Menschen mit langjähriger Erfahrung dazu zu sagen haben. Deshalb treffe mich zu einem Gespräch mit Jürg Kägi, meinem Kollegen vom Pfarrteam KIRCHE32, und mit Renée Magaña, einer Künstlerin und Trauerbegleiterin, die in Kallnach lebt.

Kirche32 - 8 von 11 (Foto: Christina von Allmen-Mädier)

Im Gespräch über Tod, Trauer und Bestattung: Dominik von Allmen (Pfarrer) interviewt Renée Magaña (Trauerbegleiterin und Künstlerin) und Jürg Kägi (Pfarrer).

Renée, Jürg – was macht ihr beruflich rund um Tod und Trauer?

Jürg: Das Erste, was mir als Pfarrer in den Sinn kommt, sind die Beerdigungen und Trauerfeiern. Aber das ist noch nicht alles. Ein solcher Prozess kann schon damit beginnen, dass ich Sterbende und ihre Angehörigen begleite. Und oft ist auch nach einer Beerdigung noch seelsorgerliche Begleitung gefragt.
Renée: Ich bewege mich beruflich auf zwei Ebenen rund um Tod und Trauer. Als Trauerbegleiterin begleite ich Menschen, die Abschied und Verlust erleben – unabhängig davon, wie lange dieser zurückliegt. Als Künstlerin beschäftige ich mich seit über 20 Jahren mit den Themen Tod, Vergänglichkeit und Transformation.

Was ist euer Ziel, wenn ihr eine Trauerfeier gestaltet oder Trauernde begleitet?
Jürg: Wieder ins Gleichgewicht finden. Mit einem Todesfall gerät immer etwas aus dem Ruder. Ich versuche, zu Stabilität beizutragen – oder das zu stärken, was bereits trägt. Bei Beerdigungen ist mir die Erinnerungskultur wichtig: Wer war die Person, die wir jetzt gehen lassen? Ihr Leben und ihre Eigenheiten sollen noch einmal sicht-, hör- und spürbar werden. Wenn man jemanden so würdigen kann, ist man danach auch etwas freier, wieder nach vorn zu schauen.
Renée: Auch in meiner Begleitung geht es um Gleichgewicht. Ich arbeite mit dem Modell Gefühle.Leben. Lernen.® und fünf Gefühlsebenen: Herz, Wut, Trauer, Gemeinschaft und Triumph. Bei der Trauer bekommt eine dieser Ebenen mehr Gewicht. Ziel ist, dass alle Ebenen wieder in ein Gleichgewicht kommen.

Ihr seid beide schon lange mit diesen Themen in Berührung. Was hat sich in dieser Zeit verändert?

Renée: In der Kunst war es immer superschwierig. Man nannte mich oft die «Makaber-Magaña». Der Tod war nie im Trend. In der Schweiz findet meiner Erfahrung nach generell kaum ein öffentliches Gespräch über den Tod statt. Ich vermute, das hat auch mit der Reformation zu tun: Mit ihr verschwanden Bilder und Figuren aus den Kirchen, die den Tod «greifbar» machten. Das ist bis heute spürbar. Erst in den letzten fünf, zehn Jahren tut sich langsam etwas, auch durch neue Bestattungsformen.
Jürg: Ich beobachte eine immer stärkere Individualisierung. Das ist positiv, wenn Menschen einen Umgang finden, der für sie stimmt. Es kann aber auch nachteilig sein, wenn sie bei einem Todesfall allein bleiben oder sich kaum mehr wagen, in einem grösseren Kreis Abschied zu nehmen. Wenn sich Angehörige heute für eine Feier entscheiden, tun sie das aber sehr bewusst. Sie möchten dem Moment Gewicht geben. Das finde ich schön.

Viele haben das Bild, eine kirchliche Bestattung laufe nach «Schema F» ab. Stimmt das?
Jürg: Dieses Bild stimmt so nicht. Bei kirchlichen Bestattungen ist vieles möglich. In der Vorbereitung steht und fällt für mich alles mit dem Zuhören. Aus dem, was die Angehörigen sagen, versuche ich herauszuhören, was für sie stimmig ist. Ich berate, zeige Möglichkeiten auf, bringe meine Erfahrung ein – auch bei der Musik, die ein wichtiger Teil ist. Natürlich gibt es Grenzen des Machbaren. Aber fragen darf man immer.

Weshalb ist eine Form von Öffentlichkeit beim Abschiednehmen wichtig?
Jürg: Nun, es gibt auch Fälle, wo Öffentlichkeit keine gute Idee ist. Das ist aber die seltene Ausnahme. Gerade bei gut besuchten Abschiedsfeiern entsteht eine Kraft im Raum. Die Leute, die man als Trauerfamilie im Rücken hat, stärken einen. Viele sagen hinterher: Vorher war es unerträglich, daran zu denken – aber als ich drin war, bin ich getragen worden. Trauer ist auch ein Wiederherstellungsprozess, und es hilft, wenn man konkrete Schritte tun kann. Darum spreche ich an Trauerfeiern auch jene an, die weiter hinten sitzen: Ihr habt einen Job, vor allem dann, wenn nach einigen Wochen alle wieder im Alltag sind und es seltsam still wird. Schaut vorbei. Meldet euch.
Renée: Wir leben heute stark im Individualismus. Trauer findet deshalb oft im Verborgenen statt. Deswegen fehlen Räume, in denen Trauer sein darf – und das Verständnis dafür, dass Trauer keinen Zeitplan kennt. Eine Trauerfeier dagegen ist ein Ort, an dem alle wissen, warum sie da sind. Man muss sich dort als trauernder Mensch nicht erklären oder rechtfertigen.

Zum Schluss: Gibt es etwas Schönes, das euch von einem Friedhof besonders in Erinnerung geblieben ist?
Jürg: Mir kommen Veilchen in den Sinn, die im Frühling sichtbar durch schon etwas älteren Asphalt gebrochen waren. Ich war mit einer Trauergesellschaft auf dem Weg von der Aufbahrungshalle zum Grab und ich habe den ganzen Zug anhalten lassen. Das Bild war so stark. Es zeigt: Ein guter Friedhof ist ein Ort des Lebens.
Renée: Genau. Friedhöfe sind oft sehr schöne Orte – mit alten Bäumen, Bienenwiesen, Trockenmauern. In Kallnach ist das auch so. Mir fällt immer wieder auf, wie viele Menschen sich dort begegnen. Man kann auch hindurchspazieren oder im Sommer auf einer Bank Pause machen.

Interview: Dominik von Allmen-Mäder, Pfarrer


Zum Vormerken: Tag des Friedhofs am 19. September 2026
Seit über zehn Jahren gibt es schweizweit den «Tag des Friedhofs ». Zahlreiche Friedhöfe laden zu Veranstaltungen ein, wie z.B. Führungen. Dieses Jahr findet der Tag des Friedhofs am Samstag, 19. September, statt. Auch für den Friedhof Kallnach sind Angebote in Planung, u.a. mit dem Pfarrteam KIRCHE32 und Renée Magaña.